Alles wird gut- Und was heißt das genau?

Bild von Johannes Hoeller Beamstudios

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HEUTE 

Heute um 13:10h vor einem Jahr ist mein Freund, ein Freund, ein Ehemann, ein Vater, ein Geschäftsmann, ein wunderbarer Mensch gestorben. Er hat aufgegeben. Er hat sich seinen inneren „Kriegsverletzungen“ hingegeben.

SEIT 16 JAHREN 

16 Jahre auf den Tag genau kannte ich ihn. Er stand mit einer Zigarre und dem Handy in der Hand im Entbindungszimmer und faszinierte mich mit diesem wunderschönen Lachen, mit der rauen Stimme und dieser frechen flapsigen Redensart. Ich war perplex, geflasht und beeindruckt, Tage, Monate, sogar Jahre. Durch seine Tochter, die im gleichen Alter meiner Tochter ist, begann eine tiefe Freundschaft mit seiner Frau. Ich durfte Einblick nehmen in das Innenleben eines Mannes, dem man zwar ein Herz zusprach, aber keiner davon ausging, dass dies durch zu viele Verletzungen eingehen kann. 

WERTSCHÄTZUNG

Ich habe mich oft gekränkt gefühlt von dem, was er sagte. Vor allem wie er mit seiner Handbewegung alles abwertete. Jedesmal, wenn er mir wieder einmal etwas Freches sagte, schaute ich ihn ungläubig an, ging, heulte, ärgerte mich und wollte ihn ignorieren. Stattdessen rief ich ihn an, rekapitulierte, sagte ihm, was seine Frechheiten in mir auslösten mit so viel zusätzlicher Wertschätzung, dass die Waage nicht aus dem Gleichgewicht geriet. Seine Frau und Tochter bekamen nie etwas davon mit. Wenn er lachte und wunderbare Geschichten erzählte, gab ich ihm meine Bewunderung und Wertschätzung preis. Ich sagte ihm immer, an welchen Stellen er Grenzen überschritt und ging jedes mal, wenn er mit Absicht nachtrat. Es war eine Hassliebe, denn er zeigte mir Seiten an mir, die ich bis dahin nur ihm zusprach. Das wunderbare an unserer Beziehung war: Wir waren immer offen zueinander. 

EIN RIESEN ALTERSUNTERSCHIED

Schon bevor mir seine Frau sagte, dass er aus unerfindlichen Gründen eine Dysfunktion der Leber habe, teilte er es mir zwischen Tür und Angel mit. Ich war damals 19 und er 42 Jahre. Er hatte immer Baustellen an seinem Körper. Mal das Auge, dann das Knie, danach …
In einem Nebensatz, während ich das Brötchen in meinen Mund schob, verkündete er mir, dass die Ärzte ihm nicht helfen können. Ich verstand nicht, denn schließlich waren es ja „nur“ kleinere Baustellen, die laut Allgemeinmediziner und Spezialisten lösbar sind. Zwar wäre eine neue Leber angebracht, aber dazu konnte er sich noch nicht durchringen. Es stand mehr in dieser Aussage, doch begriff ich das zu dieser Zeit nicht. 
Interessanterweise waren wir immer intensiv miteinander verbunden, wenn Ohnmacht und Hilflosigkeit im Raum standen. Sonst beobachteten wir uns gegenseitig. 

HERZHAFTES LACHEN

Er rief mich manchmal an, sagte: „Egal was du gerade machst, lass alles liegen. Ich hol dich ab. ich will dein Herz lachen hören“ Innerlich habe ich meinen Kopf geschüttelt und gedacht was für ein Idiot, als ob ich mal eben so springen kann, wenn er das will. Für ihn war es selbstverständlich als erfolgreicher Geschäftsmann sich seine Zeit nach seinem Tempo einzuteilen und das zu machen, wonach ihm ist. Für mich als Studentin, Mutter und Angestellte eher eine Ausnahme. Und doch war ich immer die Erste, die mitgemacht hat. Und mein Herz hat jedes mal gelacht. Er stand vor mir mit seinen liebevollen Augen, gebräunter Haut einem verführerischen Lächeln mit pastellfarbener Kleidung und seinem unbezahlbar teurem Auto. Während das Eis im Hörnchen schmolz, hörte ich ihm zu und begriff die Botschaften hinter den Worten. Begriff, woher die Trauer in der Stimme kam und warum er so frech und unverfroren den Menschen seine Meinung um die Ohren schmetterte.

VERTRAUEN

Er erlitt als Kind die größte Schuldzuweisung, die jemand erhalten kann. Er sei Schuld daran gewesen, dass seine Mutter vor seinen Augen im Meer ertrunken ist. Er hätte sie ja schließlich mit 10 Jahren retten können. Was für eine Scheiße, ganz ehrlich, wer kann das? 
Statt den Sohn von Selbstvorwürfen zu befreien, haut man noch mal oben drauf und schickt ihn ins Internat. Ihm wurde nie gesagt, dass er so in Ordnung ist, wie er ist. Es war immer etwas nicht in Ordnung. Mal wurde sein Schrei nach Liebe durch den Ausdruck von frechen Antworten, Prügeleien mit Missachtung oder Hausarrest und Liebesentzug bestraft oder er wurde angeheizt besser zu werden. Seine Besonderheiten, Geschichten zu erzählen, andere zu beschützen oder Ungerechtigkeiten offen anzusprechen wurden missachtet statt anerkannt. Kam mal jemand in sein Leben der ihn liebte, verstand er nicht, dass es das gab. Er handelte in dem System, das ihm bekannt war. Gemeinheiten werden gehasst und bewundert und das, was man liebt, wird einem genommen. Seine Gutmütigkeit, andere mit fehlenden Ressourcen auszustatten, wurde missbraucht. Das Vertrauen blieb bis zuletzt, auch wenn er sich immer wieder ausbeuten lies und selbst beraubte, um überhaupt einmal einen Dank zu erhalten. 

BEDINGUNGSLOSE LIEBE

Seine Frau und seine Tochter lehrten ihn etwas anderes: Bedingungslose Liebe
Ich wäre ihm schon mehrmals an die Gurgel gesprungen bei so viel Unverschämtheiten, und Missachtungen. Das war wahrscheinlich auch der Grund, weswegen er diese Frau als Frau hat und dieses Kind sein Kind ist. Mit Umsicht und Gleichgültigkeit begegneten sie ihm in solchen Momenten, und wendeten sich ihren Tätigkeiten zu. Sie schenkten ihm ein Lachen, eine Umarmung oder einen Kuss, statt ihn zu verachten. Egal wie sehr er sich bemühte, seine innere Verachtung sich selbst gegenüber auf beide zu übertragen, scheiterte. Er erhielt Liebe, Loyalität und Wertschätzung. 

SCHUTZ UND FÜRSORGE

Und er liebte von Herzen, er schützte mit Achtsamkeit und strahlte mit seinem ganzen Sein, sobald Frau und Kind an seiner Seite waren. Das war die Erfüllung seines Lebens. Mir verpasste er im Bezug auf Familienschutz eine verbale Ohrfeigen im Laufe unserer Freundschaft die mein Innenmark erschütterte und mich wach rüttelte. Er schenkte mir Halt in den Momenten meines Lebens, in denen ich zu wanken begann und ich an mir zweifeln wollte in den Manifesten als Mensch, Frau und Mutter. Er reichte mir die Hand ging mit mir an einen Ort an dem ich schreien konnte, gab mir die Zeit, mein Innenleben wider auszurichten und schenkte mir die Wertschätzung meiner Potenziale und einmaligen Qualitäten. 

AUFRICHTIGKEIT 

An einem Abend, irgendwann im Winter rief er mich an und fing an zu reden. Ich legte mein Telefon erst 12 Stunden später neben mich und ab und innerlich erstickte ich fast an dem was dieser Mensch mir offenbarte. Es machte alles einen Sinn. Die Puzzleteile über die Jahre fügten sich zusammen und der Respekt, die Wertschätzung und meine aufrichtige Liebe wuchs ins Unbeschreibliche. Ein Jahr lang wollte er mich nicht sehen und machte mich vor seiner Frau schlecht. Er hatte sein Herz geöffnet, er hatte einer jungen Frau sein Innenleben präsentiert und fühlte sich danach so verletzlich, dass er mit Härte und Missachtung sich selber bestrafte. Durch einen Zufall traf ich seine Frau. Diese fragte mich, ob ich mit ins Krankenhaus kommen würde, um ihn mal wieder nach einer OP abzuholen. Warum auch immer, ich tat es, auch wenn ich wusste das er mich nieder machen würde. Sein Lächeln verriet die Freude, seine Worte erklärten mir den Krieg.

UNERMÜDLICHKEIT 

In dem Moment wusste ich, er hat sich aufgegeben. 
Der Sturz nachts zu Hause, die wochenlangen Krankenhausaufenthalte, die Möglichkeit der Transplantation, das langsame Leberversagen und vieles mehr waren „nur“ die Chance für einen perfekten reibungslosen Abschied für seine Frau und seine Tochter. 
Er bereitete alles vor, obwohl sein Körper ihm zeigte, wo seine Seele stand. Am Ende erstickte er innerlich. Das Wasser reichte ihm schon bis zum Hals. Und doch war er unermüdlich in der Klärung, um den Menschen die er liebte und die ihn liebten, ein sorgenfreies Leben zu sichern. Er nutzte die Schockmomente seiner schubweisen Verschlechterung, um Menschen an sein Bett zu bitten, die ihm Wegweiser, Freunde und Feinde waren. 

SELBSTERKENNTNIS

Auch ich stand an seinem Bett. Einmal, danach nie wieder. Unsere Augen trafen sich, als ich das Zimmer betrat, und seine Freude sprang mir in die Arme, auch wenn der Körper erschöpft im Bett lag. Meine Luftnot spiegelte seine Angst wieder und seine Hand, die meine ergriff, zeigte mir Frieden. 
Er wollte mir Geschichten erzählen, sich von seinem inneren Prozess ablenken und versuchen, das was da ist, zu überspielen. Nur, wie soll man etwas überspielen das schon da ist und wie ein Schatten des Todes neben einem steht und dir ins Gesicht schaut?
Er begriff es in vielen Momenten. Auch in diesem Moment. Er lies seinen Tränen freien lauf und bedankte sich. Er bedankte sich für sein Leben, vergab sich selber für die innere Härte und begann alle Menschen aufzuzählen denen er dankbar war. 
Ich musste gleichzeitig weinen und lachen. Was für ein toller Mensch und soooo unendlich verrückt. Ich wusste, dass mir sein Lachen und seine gütigen Augen fehlen würden. Mit diesen blickte er mich an und schenkte mir ein Gedicht an wunderbaren wahren Worten über meine Person. 
In seinen Augen sah ich, dass er erkannt hatte, dass man nicht allen gefallen kann. Dass es Menschen gibt, die einen so nehmen, wie man ist und dass man andere nicht mit aller Macht versuchen muss, von seinen Qualitäten zu überzeugen. Dass viele Menschen nicht in der Lage sind, aufrichtig anzuerkennen, was da ist. Denn sie ignorieren sich selber. Und dass es noch mehr Menschen gibt, die selber nach gesehen werden lechzen und sich daher lieber den Mund zukleben, statt zu Lebzeiten und in der Blüte des Lebens Dank und Anerkennung auszusprechen.
Er begriff, dass nur das, was für einen bestimmt ist, freiwillig zurück kommt. Und er begriff, dass es eine Hand voll Menschen sind, die sein wahres Inneres liebten. 
Nach dieser Begegnung fand ich ein Gedicht und all das, was unser letztes Gespräch beinhaltete. 

DAS AUGE (Friedrich Emil Rittershaus)

Die Welt ist eine große Seele
Und jede Seele eine Welt:
Das Auge ist der lichte Spiegel, 
Der beider Bild vereinigt hält.
Und wie sich dir in jedem Auge
Dein eignes Bild entgegenstellt,
So sieht auch jeder seine Seele, 
Sei eignes Ich nur in der Welt.

VOR 3 MINUTEN

Eine Woche später, Tage nach einem heimlichen Gespräch von Vater und Tochter, Stunden nach der innigen Umarmung seiner Frau, Minuten vor einem Jahr, an dem Geburts-Tag seiner Tochter ist er friedlich eingeschlafen.
Er ist nicht gegangen ohne einen Nachhall. Er hat das Leben mit einem wunderbaren jungen Mädchen bereichert, eine Frau wachsen lassen, die nun mit Herz und Verstand das Leben in der Gemeinschaft unterstützt und Menschen verlassen, die noch ihr Leben lang Zeit haben zu begreifen, dass es nicht um Materie, sondern um aufrichtigen Dank geht. 

Daher mache ich den Anfang und bedanke mich zu Lebzeiten von Herzen von…für…bei… siehe den nächsten Blogg Eintrag mit dem Titel „DANKE“ "Ach, nicht dafür" Doch, genau dafür! am 15.03.15