TEIL III Faszination Mensch - die Begegnung des Besonderen

ANTEILNAHME

... Nach dem Knall schaue ich mich um, innerlich schon mit Selbstvorwürfen beschäftigt. Noch gar nicht wissend in welcher Welt ich mich befinde, begegnet mir Menschlichkeit. Ich spüre einen Arm, etwas das mich wegzieht und unendlich viel Güte als Sicherheit. Alle Insassen sind wohlauf, lese ich von seinen Lippen ab. Die plötzliche Flut meiner Tränen holt mich ins Leben zurück und mein Gehör kommt wieder.

SELBSTREFLEKTIERENDE FRAGEN
Was würden Sie ohne Ihre Fähigkeiten tun?
Wie lebt es sich ohne innewohnende Potenziale?
Womit nehmen Sie die Welt wahr?
Was muss passieren, um Eigenheiten und Besonderheiten zu lieben?

Die Dankbarkeit für meine Fähigkeiten wurde nach dem Unfall potenziert. Ich weiß meine Beobachtungsgabe und die akustische Wahrnehmung heute mehr zu schätzen denn je. Und der fremde Mann, dessen Arm ich um mich spürte, in dem Moment der blanken Angst, mein wertvollstes Werkzeug (Gehör) verloren zu haben, ebenfalls. Denn keine drei Tage nach dem Unfall erfuhr ich von dem plötzlichen Tod seiner Mutter, deren Wert er immer zu schätzen wusste jedoch selten kund tat. Er erfuhr dadurch, wie wenig Menschen wirklich noch zuhören und bewusst am Leben teilnehmen. Was unsere Begegnung bereicherte war der gegenseitige Dank. Ich bedankte mich für den Schutz und er bedankte sich für mein wertfreies Zuhören und die für ihn passenden Fragen, um aus dem Weglaufmodus in den Verarbeitungsmodus zu gehen.  

10 % LEBENDE BESONDERHEIT

Auf meinen Reisen begegnen mir viele Menschen und Geschichten. Egal an welchem Rand der Welt ich mich bewege, überall schwingen die gleichen Themen mit. Viele Urlauber sind auf der Suche nach Erlebnissen, nach dem Besonderen und der Einmaligkeit ihres Urlaubes. Sie wählen Aktivitäten und Orte, die Spannung, Entspannung, Freude und Abenteuer beinhalten sollen. Die Erwartungshaltungen sind hoch. Und werden diese nicht erfüllt, wird ein böser Brief an den Veranstalter, an den Hotelmanager oder in einen Chat geschrieben. Die Aussage, die fast jedes mal dahinter steht: „Los, beschäftige mich, biete mir das Außergewöhnliche, denn schließlich zahle ich genug Geld, um mein Leben attraktiv gestalten ZU LASSEN!“ Die freudestrahlenden Gesichter über einige Zeit des Ausgleichs zum stressigen, nervigen und monotonen Alltag verschwinden schnell bei dem Gedanken daran, bald wieder ins eigentliche Leben zurück zu müssen. 

ERHALTEN SIE FRAGEN, UM SICH IN IHREM DAUERNÖRGELN ZU REFLEKTIEREN:

Was würden du täglich machen, wenn du dir keine Gedanken um Geld machen müsstest?
Würdest du arbeiten gehen?
Worauf würdest du achten? Was wäre dann der Weg für Erfüllung?
Was macht dir soviel Spass, dass du es mit Leichtigkeit umsetzt?
Was hast du in dir, dass du es nicht im Außen suchen musst? 

KOMMT DIE ANTWORT, … JA, ABER!

Was bedeutet denn ja aber? Ja ich weiß, was ich tun möchte…aber mein Verstand sagt mir: Handle vernünftig und so wie es alle tun. Dass 90 % der anderen das Gleiche denken, ist nicht in ihrem Bewusstsein. Somit die Frage, wer tut denn dann nun das, was ihn wirklich erfüllt? 
Die restlichen 10 %!!!

TEE WÄRMT UND LÄSST REISEN

Einigen davon bin ich begegnet. Begonnen hat es in Bremen. Ein Termin der kurzfristig abgesagt wurde. Natürlich hätte ich mich ärgern können -wollte ich jedoch nicht. Statt dessen der Blick auf mein Ticket Richtung Hamburg und das Wissen 6 Std Zeit zu haben, die es zu nutzen gilt. Nach meinem  typischen Irrverfahren unsystematisch Städte zu erkunden, lande ich an einem Teehaus. Aus dem Nichts spricht mich ein Mann an und lädt ein, mich zu setzen. Bevor ich bestellen kann habe ich schon ein Getränk auf dem Tisch und einen Tischnachbarn, der mir Erlebnisse und Geheimtipps von Bremen und seinem Leben in fernen Ländern mit auf den Weg gibt. Ich frage ihn, was ihn bewogen hat wieder zurück zu kehren und ein Teehaus zu eröffnen. Sein Lächeln und die Geste verraten alles. Tee ist seine Leidenschaft und bedanken möchte er sich durch gute Einflüsse seiner Person bei den Menschen in Bremen, für die gute Zeit seiner Kindheit. „Ich gebe das zurück, was ich einst erhalten habe, nur auf einem anderen Weg“. Bevor ich mich für die wunderbare Zeit bedanken kann, erhalte ich einen Apfel und eine Geldmünze. Er lächelt und sagt: „Das wirst du brauchen. Du siehst aus als würdest du die Welt anders beschreiten“. 

WIE GEWONNEN SO ZERRONNEN 

Mit dem Apfel in der Hand und der Münze in der Tasche sitze ich im Zug und muss mit anhören, wie ein Junge jammert, dass er Hunger hat. Die Mutter scheint überfordert und wirkt traurig. Mit einer aggressiven Stimme gibt sie ihm zur Antwort: „Wäre dein Vater pünktlich zum HBF gekommen, dann…!“  Ich stehe auf, halte ihr den Apfel hin und frage, ob sie noch etwas braucht. Misstrauisch und argwöhnisch will sie ablehnen. Ich sage ihr der Apfel ist nicht von Schneewittchens böser Stiefmutter vergiftet, der Junge wird sich entspannen und sie kann durchatmen. Perplex aber verstehend nimmt sie ihn. 

 STEINREICH UND DIE LIEBE ZUR NATUR

Tage später in Tirol, beim x-ten Abstieg des Berggipfels, wollen meine Beine nicht mehr. Am Vorabend schleichen Sie schon wie ein Faultier die Treppe rauf. Heute ist Feierabend. Ich stehe wie ein sturer Esel am Wegrand und bewege mich keinen Zentimeter mehr. Plötzlich höre ich einen Motor. Ich lächle meinen Wegbegleiter an und sage mir: „Egal wer das ist, das wird das Gefährt mit dem ich den Berg runter komme.“ Noch mit dem Rücken zum Gefährt beginnt er zu lachen. Ich verstehe. Ein Traktor mit einem Baum im Schlepptau, einer Kreissäge vorne in der Schaufel und einem zahnlosen strahlenden Bauern. Bevor ich etwas sagen kann, bleibt der Traktor stehen. Wir werden in einen Dialog verwickelt der in meinem Kopf nur Fragezeichen auslöst. Auch mein Begleiter versteht nichts. Egal, er versteht mich und mein liebevolles Lächeln und die Frage, ob er uns mitnehmen kann. Schon sitzen wir zu zweit in der Schaufel vor dem Traktor und einer Kreissäge zwischen den Beinen. Ruckartig hält er an, positioniert den Stamm am Rande des Weges, hebt ein Müllstück auf und nuschelt etwas. Mit dem Lächeln eines Honigkuchenpferds unten angekommen, reibe ich mir meine müden Beine. Die Gedanken kreisen die ganze Zeit in meinem Kopf, womit und wie wir uns mit einem Dank verabschieden können. Kaum sind diese Gedanken in mir, steigt der Bauer aus, greift in seine Tasche und reicht uns etwas entgegen. Jetzt verstehe ich ihn auch etwas besser.  „Hier, jetzt seit ihr steinreich und habt ein Teil aus dem die Welt besteht.

Ich frage ihn, ob ich den Müll in seiner Tasche entsorgen darf. Perplex und mit einem Lächeln reicht er es mir und bedankt sich. Ich frage ihn nach dem Baumstamm. Er beginnt voller Hingabe zu erzählen, dass er damit die Tiere beim Abtrieb vor Sturzgefahren schützt. Kaum im Fluss des Redens, erhalten wir seine ganze Lebensgeschichte und erkennen beide die Liebe zu dem was er macht. „Natürlich kann ich kaum davon Leben und doch ist die klare Luft jeden Morgen der größte Reichtum“.

QUALITÄT KENNT KEINEN ZEITDRUCK

Im Brixtental auf einer Käsealm, das gleiche Phänomen einer besonderen Begegnung. Ich frage den Senner so lange und so aufrichtig interessiert, was ihn an seiner Arbeit so erfreut, dass er kurzerhand eine Käsealmführung mit Verköstigung anbietet.

Bis dahin war mir so viel unklar. Und durch seine Begeisterung, dass ich mit Begeisterung mehr wissen wollte, erfuhr ich neben unendlich vielen Schnäpsen, die wir tranken, viele Dinge über die Käseproduktion. Seit diesem Tag esse ich kaum mehr Käse, denn wie ich erfahren musste esse ich nur „Kaugummimasse“, wenn ich sie im Geschäft kaufe.  (Nähere Erläuterungen sind gerne bei dem Senner einzuholen, die Adresse gebe ich gerne Preis). 

JEDER TRADITION WOHNT EIN ZAUBER INNE

Eine Tour nach Salzburg führt mich in das älteste Café der Stadt. Schon auf dem Sprung nach draußen, will ich nur mal kurz das WC aufsuchen. Es ist ausserhalb des Hauses, die Treppe hoch, rechtsne Hände und mir fällt die Kinnlade runter. Als ob er dies gespürt hat schaut er mich an und ruft mich zu sich rüber. Was ich? Er zaubert aus Marzipan ein Pferd und fragt mich, ob ich mal probieren mag. Was ich? Ja, klar. Keine Minute und drei Fragen später zeigt er mir seine Backstube und seine geheimen Räume, stellt mir sein Personal vor und berichtet voller Zufriedenheit welche Tradition in diesen Kugeln, denen einer seiner Vorfahren den Namen gegeben hat, steckt. Er ist sich seiner Schaffenskraft, seiner Hingabe und der Liebe zu seinem Handwerk bewusst. Er ist von Herzen gerührt, dass einer seiner Kinder diese Tradition ohne Zwang weiterführen möchte. „Man kann diese Kugeln überall kaufen. Und es gibt nur noch wenige die sie wirklich mit der Hand herstellen. Auch seinen Kunden ist der Unterschied bewusst, denn jede Kugel sieht anders aus und schmeckt nach Handarbeit. Er reicht mir welche hin und sagt: „Für die Heimkehr und wunderbare Momente der Erinnerung“. 

Egal wo ich mich in dieser Zeit befinde, alle, die ihre Erzeugnisse vertreten, präsentieren oder verkaufen, lieben ihre Arbeit. Ihnen ist die Schwermut der Massenproduktion, die Dumpingpreiskultur, die Umweltverschmutzung und die nörgelnde Kundschaft nicht anzusehen. Ihnen ist die Liebe zum Besonderen und der Dank für aufrichtiges Interesse ins Gesicht geschrieben. 

DAS EIGENE LEBEN ZUM MITTELPUNKT MACHEN

Auf der Fähre von Sardinien nach Korsika, passiert mir etwas Unbeschreibliches. Nun gut, vielleicht kam es durch meine unbedachte Vorlage zu diesem Erlebnis. Mit Kopfhörern im Sonnenschein und unglaublichem Wellengang (oh Gott, werde ich etwa grün?)  lasse ich mir die Gischt ins Gesicht schlagen. Mit nassen Anziehsachen, Salz im Mund und den kriechenden Menschen um mich herum, drehe ich die Musik laut, ziehe meine Flip Flops aus und schlittere im Takt der Musik und der Bewegung der Fähre übers Deck. Ob mich jemand beobachtet? Ich glaube nicht, denn Übelkeit verhindert Neugierde. So dachte ich. Einige Momente später steht der Kapitän mit hochgekrämpelter Hose neben mir und gibt ein Zeichen zur Brücke. Er lächelt mich an und sagt, er habe noch nie einen Menschen auf seinem Schiff tanzen sehen während alle grün gefärbt an der Reling stehen. Er bittet mich um diesen Tanz. 

Werden wir jetzt beobachtet?
Ja und plötzlich tanzen andere Menschen mit. Einfach so“. 

Mit dieser Leichtigkeit bewege ich mich zum letzten Ort meiner unvorhergesehenen Etappen. Dieser Ort wirbelt das Thema Haltbarkeitsdatum Beziehung auf. Mehr dazu am 10.02.2015