Teil II Der Mensch -die Maschine - die Kraftlosigkeit - das technische Versagen

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DER BUS

Gerade noch in der Menschentraube und mit der Frage beschäftigt, was mein Sommer mir bringt, sitze ich schon im Flieger. Die Anfrage, ob ich auf Sardinien arbeiten möchte, kam morgens. Mittags sitze ich schon im Flieger. Und so ziehen sich die Fragen über die nächsten zwei Monate hinweg. Mal nutze ich den Flieger, mal den Bus und mal das Auto. Wenn man es genau nimmt, habe ich mich mit 17 bewegungstechnischen Objekten durch die Welt bewegt. Und alles war perfekt. Jedes hatte seinen Reiz und jedes seine Tücken. Blicke ich zurück, stelle ich mir die Fragen:

  • Was wäre die heutige Welt ohne die Symbiose von Mensch und Maschine?
  • Wie würde unsere Fortbewegung aussehen?
  • Worauf müssten wir dann verzichten?
  • Würden wir dadurch weniger erreichen?
  • Wäre es für den eigenen Organismus fatal, sich seinem eigentlichen Tempo anzupassen?

Für mich habe ich festgestellt, dass ich immer das Vehikel nutzen musste, das mich in meinem Flow lies. 

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„Was? 15 Std. Busfahrt nach Frankreich? Das ist ja ewig!“  So kamen mir die Aussagen am HBF der wartenden Menschen um die Ohren geflogen. Mein Gedanke war nur: Endlich mal träumen! Die Zeit an sich vorbei fliegen sehen und loslassen! Endlich einmal in mich hinein hören und das Erlebte verdauen! Inneres reflektieren und abarbeiten der vorhergegangenen Erfahrungen. Einfach mal dem Motor des Busses und dem fröhlichen Summen des Busfahrers lauschen. Bewusst erkennen, dass beide ihren Job machen. Der Motor, weil er dazu erschaffen wurde zu funktionieren und der Busfahrer, weil er seine Berufung zum Beruf machte und ohne Mühe mit Herzensfreude diesem nachgeht. 

DIE TECHNIK
Der Unterschied. Der Busfahrer muss am Ende schlafen, sich ausruhen und neue Energie tanken. Der Bus wird mit Benzin betankt und kann nach einer kurzen Wartung die gleiche Strecke ohne Mühen zurück fahren. Er braucht keine Anerkennung und Wertschätzung. Er benötigt gutes Werkzeug. Der Busfahrer summt gleich noch lauter und lächelt einen noch intensiver an, wenn er geachtet wird, für das, was er tut. 

DER MENSCH
Daher gehe ich zu ihm hin und verbalisiere meinen Respekt für seinen Arbeitseinsatz. Denn, wenn man sich bei Ihm bedankt  und nicht motzt, dass der Stau die Beine hat einschlafen lassen oder der uneingeplante Halt am Seitenstreifen unnötig war,  lächelt er einen trotz Übernächtigung an und sagt, „Hey Mädchen, nicht dafür. Es war mir eine Ehre. Morgen wieder, jetzt brauch’ ich erst einmal eine Mütze schlaf, einen langen Spaziergang und ´ne Kippe“. 

SELBSTREFLEKTIERENDE FRAGEN
Wie verändert sich mein Inneres, wenn ich das respektiere, was ist?
Wie viel Zeit nehme ich mir, um den Punkt des Dauernörgelns zu überschreiten, um an die eigentlich innehabenden Themen zu gelangen?
Wann habe ich das letzte Mal Jemanden für seine Hingabe wertgeschäzt?
Was passiert, wenn ich mir Zeit lasse?

DIE BAHN

Flieger ausgebucht! Kein Thema. Ich nehme auch gerne die Bahn. ZEITVERLUST? Gibt es nicht, denn die Zeit ist auf meiner Seite. Dank Wecker und Kaffeautomaten am Bahnhof funktioniert auch das Aufstehen mitten in der Nacht.

Schnell mit dem Rad zum HBF und dann Augen schließen. OB ES BEQUEM IST? Nicht wirklich, aber die Müdigkeit wiegt mich in den Schlaf. Ich weiß von unzähligen Fahrten, dass die DB als Fluch und Segen zugleich gesehen wird. Ich bin wirklich DANKBAR FÜR DIESE MÖGLICHKEIT. Denn sie hat alles, was ein Mensch braucht. Später, wenn ich mich aus meinem Sitz entknote, laufe ich schlaftrunken zum WC, schminke mich, ziehe mich um und steige wie aus dem Ei gepellt, mit Schlaffalten im Gesicht aus dem Zug. Der Schaffner steht am Bahnsteig schmunzelnd  vor mir und zeigt mit seinem Finger auf den Zahnpastarand an meinem Mund. Ich zwinkere ihm zu und sage ihm insgeheim: „Wie gut, dass Sie mein Begleiter der letzten Stunden waren und ich mich Ihnen vertrauensvoll zerknautscht zeigen kann“. Der Mann neben mir „mit dem Stock im Hintern“ würde das jetzt nicht verstehen. 

DIE TECHNIK
5 Tage später sitze ich in einem anderen Zug und höre nach einer scharfen Bremsung die Durchsage mit zittriger Stimme, der Zug könne wegen einer technischen Störung nicht weiterfahren. Stille. Keiner sagt etwas. Jeder weiß, was dies bedeutet. Die Menschen am nächsten Bahnhof wissen es nicht und motzen wegen der Verspätung, der verlängerten Wiedersehensfreude auf den Partner und der verschobenen Meetings der Berufspendler.  

  • Haben Sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht:
  • Was passiert, wenn die Bahn nicht mehr da ist?
  • Wie Sie sich dann fortbewegen?
  • Wie verstopft dann die Straßen wären?
  • Wie oft Sie dann im Stau stehen würden?

An wen Sie dann Ihren inneren Frust adressieren würden?Denken Sie nur einmal an die Momente des Ausfalls durch Sturm, Unfälle oder andere Dinge. Tausende Menschen nutzen die DB, sie reisen unentwegt von A nach B und verlassen sich auf was? Auf Pünktlichkeit auf kontrollierbare Momente und auf die Technik, die nicht versagen darf. 

 DER MENSCH
Die Schaffner/Zugbegleiter müssen das „Versagen und die Störungen“ kommentieren, verarbeiten und aufnehmen. Sie dürfen nicht versagen! Und wenn sie es tun sind sie schwach und werden ersetzt. Die Menschen der DB sind die DB. Sie bringen SIE dank der Technik von A nach B. Die Schaffner fahren, um Sie zu Ihren gewünschten Orten zu bringen und erleben auch oft Momente die sie für immer prägen. Ich bewundere diese Menschen für so viel Contenance gegenüber den nörgelnden Gästen, das Beheben von technischen Problemen, die Bereitschaft, Hilfestellung bei Menschen zu leisten, die nicht weiter wissen und auch ihre Seele schützen müssen, vor den Aufnahmen im Kopf die sie haben, wenn ein Selbstmörder sich auf die Schienen wirft. Wie gerne dieser Mensch wohl einfach mal einen Dank, eine wirkliche Wertschätzung und einen respektvollen Umgang erfahren möchte, statt innerlich vor Frust das Handtuch zu werfen.

SELBSTREFLEKTIERENDE FRAGEN 
Wie oft Sie wohl gerne das Handtuch werfen, möchten, weil Sie mehr machen als Ihrer Berufung entspricht?
Wie oft Sie wohl innerlich ersticken, wenn Sie eingebunden in einem System zu dem Sie ja sagten, um ihrer Berufung nachzukommen und dafür angebunden werden an Bedingungen die Ihnen nicht entsprechen?

Wie oft Sie wohl Ihrem Vorgesetzten mitteilen, dass Sie neben der Hauptaufgabe nun auch noch die eierlegende Wollmilchsau spielen müssen?
Wie oft Sie wohl schon nach einer Vergütung gefragt haben, die Ihrem Arbeitseinsatz gerecht wird?

 

 DAS FLUGZEUG

Das Flugzeug, das wie viele Menschen von A nach B bringt? 300-600? Mehr oder weniger? Ich weiß es nicht. Heute morgen, 6.45h sitzen ca. 150 Leute im Flieger.

Gestern waren es doppelte so viele. Alles nur Geschäftsleute, jeder in seinem Anzug, sein Laptop vor sich und das Mobilphon auf Flugmodus. Ich schaue an mir herunter und muss laut lachen. Ja, auch ich habe einen Geschäftstermin, allerdings sitze ich mit Flip Flops, Jackett und Kopfhörern farblich abgehoben mittendrin. Ich schaue aus dem Fester und sehe den Lotsen strahlend auf dem Feld stehen und spüre schon fast die Freude durch die Scheibe des Fliegers. Auch der Pilot macht eine Ansage, die ungewöhnlich herzoffen klingt und sogar Scherze beinhaltet. Wer es mitbekommt? Kaum einer. Es scheint, als hätten Hüllen ohne Innenleben auf Lebensmodus lustlos geschaltet. Es kommt den grauen Herren bei Momo schon sehr gleich. Der Start kommt und mein Bauch kitzelt. Trotz der vielen Flüge freut sich mein Bauch und mein ganzes Wesen über diesen tollen Moment. 

DIE TECHNIK
Für mich ist es immer noch unbeschreiblich und beeindruckend, dass der Mensch eine Maschine entwickeln konnte, die sich über die natürlichen Grenzen des Homosapiens hinwegsetzt. Wir fliegen wie ein Vogel und sind in Null Komma Nichts überall. Noch in meiner Freude, Belustigung über meine Kleidung und den lockeren Sprüchen des Piloten, kommen die Stewardessen. Mit einer Grundfreundlichkeit bedienen Sie Menschen die es als selbstverständlich hinnehmen und meist noch einen drauf setzen, indem sie pampig antworten, dass der Kaffee wässrig sei. Ich bin immer schon froh wenn der Pilot die Luftlöcher galant bewältigt, damit mein Essen im Bauch bleibt und meine Gehirnmasse nicht unweigerlich an die Decke hüpft. Der Pilot bekommt davon nichts mit. Er muss darauf achten, was die Technik sagt und sollte sie einmal versagen, seinen Instinkt, seine Intuition und seine Ruhe nutzen um ggf. Menschen das Überleben zu sichern.

DER MENSCH
Diese Verantwortung möchte ich nicht übernehmen. Meinen Respekt für so viel Konzentration, die bei einem unbewussten Handeln unendlich vielen Menschen das Leben kostet. Und noch mehr Tragik für die Angehörigen bedeutet, da ihnen von jetzt auf gleich etwas entrissen wurde. Ja, mir ist bewusst, dass Piloten sehr gut bezahlt werden. Doch meine Frage an Sie: Kann eine Arbeit so gut bezahlt werden, dass es das Ge- WISSEN, verschwinden lässt, wenn alle Passagiere, außer man selbst, sterben? Wollen Sie das Leid dieses Menschen er-TRAGEN? Von Piloten wird verlangt, dass sie niemals versagen. 

SELBSTREFLEKTIERENDE FRAGEN
Wann beginnen Sie sich die Fragen zu stellen;
Wie lange kann Geld mein Ge-Wissen rein halten?
Für was trage ich Verantwortung?
Kann Geld bedingungslose Hingabe ersetzten?

DER MENSCH

Ich kann noch unendlich viele Fortbewegungsmittel und andere hervorragende Vernetzungen aufzählen, die es uns ermöglichen, wirklich zügig und ohne großen Kraftaufwand die gewünschten Orte aufzusuchen. Anders verhält es sich bei Objekten, die ohne Motor betätigt werden müssen. Puh, was für ein Kraftaufwand. Wie gut, dass der Mensch einen innewohnenden Motor hat, der hauseigene Energie verwendet. Ist diese erschöpft, kommt man nicht mehr weiter und muss sich ausruhen. 

Waren Sie schon einmal Surfen, Rad, Kanu oder Roller fahren? Kennen Sie den Unterschied zu den künstlich motorisierten Fortbewegungsmitteln?
Sie müssen sich auf die im Mensch geschaffene Kraft verlassen! 

DIE TECHNIK
Sie können zwar über den Wind meckern, z.B., dass er aus der falschen Richtung kommt oder die Wellen zu hoch sind. Doch hilft Ihnen das auch nicht weiter, denn niemand hört Sie auf dem Meer weit draußen. Sie sind alleine mit sich! Es kommt auf Ihre Technik, auf Ihre Fähigkeit und Ihr Wissen an. 

Das Kanu gleitet auf dem Wasser und wartet auf die Richtungsangabe, die Geschwindigkeit und die Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen. Jede Unachtsamkeit kostet Sie Kraft, Zeit und trockene Anziehsachen. Mal liegen Sie im Wasser, weil das Paddel nach Stunden der Betätigung aus Erschöpfung Ihres Armes einfach ins Wasser gefallen ist und davon treibt. Oder Sie durch eine ruckartige Bewegung, dieses zurückholen zu wollen, ebenfalls im Nassen liegen. Ja, auch hier kann man motzen, oder sich drauf besinnen, dass nicht nur Technik entscheidend ist, sondern auch das Hören auf die innere Stimme, die Ihnen sagt, wann Schluss ist. Mit dem Rad Berge erklimmen, oh Mann, ist das anstrengend. Allein der Gedanke, die gleiche Steigung wieder als Abfahrt erleben zu dürfen motiviert, auch die größte Schweißperle zu ignorieren. 

Oben angekommen ist man belohnt durch soviel Schönheit der Natur und die Ruhe, die sich in einem ausbreitet. Erst jetzt merken Sie, wie laut ein Verbrennungsmotor ist (der, das darf man in dem Moment nicht vergessen, Sie in kürzester Zeit von A nach B bringt) der neben Ihnen auftaucht und Ihnen die Abgase in die freigestrampelte Lunge bläst.  

 DER MENSCH
...macht Erfahrungen um zu lernen, begreifen und sich selbst zu vertrauen. Tut man es nicht, geschehen Dinge im eigenen Leben, die einem mit voller Härte zeigen, du hast nichts unter Kontrolle und Sicherheit ist eine Illusion. Mir sollte der letzte Eindruck in bleibender Erinnerung geschenkt werden, da ich nicht auf mich gehört hatte, sondern anderen einen Gefallen tun wollte. Die Erlebnisse der Vehikel aller Art endeten mit einen ohrenbetäubenden Moment und einem geräuschlosen Nachhall, einer beängstigenden Ruhe von 3 Minuten. 

Waren Sie schon einmal auf Korsika? Kennen Sie die Strassen und den Fahrstil? Ich kannte ihn bis vor kurzem nicht. Heute weiss ich, keiner hatte Schuld und das nächste Mal bleibe ich bei dem Nein meiner Bauchstimme. Ich fahre auf unbekannter Strecke 8 Erwachsene mitten in der Nacht aus einem Gefallen heraus von A nach B, mit dem Vertrauen, dass mir mein Beifahrer die ihm bekannte Strecke vernünftig erklärt. 10 Kilometer später knallt es. Erst die Karosserie, dann der Airbag, etwas in meinem Ohr und zum Schluss mein Kopf. (…)  

SELBSTREFLEKTIERENDE FRAGEN
Haben Sie schon einmal darauf geachtet, wie schnell Sie erschöpft sind, wenn Sie sich auf Ihren eigenen Antrieb besinnen?
Welche 
Techniken nutzen Sie, um Kraft zu tanken?
Wie lange haben Sie wirklich Energie?
Ist jemand, außer Sie, Verantwortlich für Ihren Krafteinsatz?
Kann es Hilfreich sein, sich Techniken zeigen zu lassen, statt immer alles allein zu wollen?

Mit dem Knall auf den Kopf begegnet man dem Besonderen. Lesen Sie dazu mehr in meinem nächsten Eintrag am 03.02.15 mit dem Titel „Faszination Mensch- die Begegnung des Besonderen“.