Eigentlich ...

Der Nachhall der Naturgewalt war das eigentliche Phänomen. 10.06.2014 früh morgens 7:00 Uhr in Düsseldorf, mitten aus dem Leben. Der erste Schritt raus an die frische Luft ist noch gleich, der Baumwipfel vor der Tür schon nicht mehr. Einmal drüber staksen und schnell noch einen Coffee to go kaufen, bevor die Bahn kommt. Keine Chance, kompletter Bahnausfall. Also nichts wie los, die Füße auf den Asphalt, Kaffee in die Hand, Musik aus und den Blick zu allen Seiten, denn heute ist alles möglich. Eigentlich dauert der Weg zum Büro 30 Minuten.

Müllabfuhr

Die Frau neben mir an der Ampel kostet mich schon drei Minuten Bewunderung. Sie stellt sich bei der Grünphase auf die Straße und beginnt, den herumliegenden Müll aufzuheben. Sie achtet nicht darauf, dass die Autos hupen und die Menschen sie verwundert und kopfschüttelnd überholen. Sie reicht mir den Müll und bittet mich, ihn in die Tonne neben mir zu werfen. Der Mann mit der Ledertasche auf dem Rad atmet tief die frische Luft ein und strahlt über beide Wangen. Wahrscheinlich weil er mal das Auto zu Hause lassen „musste“, laut Empfehlung der Radiosender. Er fährt unter der Baumallee entlang und plötzlich schreit sie ihm hinterher: „Vorsicht, es fallen immer noch Äste auf den Boden, wäre wirklich schade um ihr sympathisches Lächeln.“Ein anderer Mann mit einem Hund überquert die Straße und erhält ebenfalls eine Ladung Müll. Er lässt es direkt wieder fallen und sagt: „Eigentlich gibt es dafür die Müllabfuhr.“

Stadtplanung

Eigentlich erinnert Düsseldorf  an einen englischen Garten. Heute gleicht die Stadt einem Dschungel, der nicht gefüllt ist mit kletternden Affen, sondern mit Menschen unterschiedlicher Couleur. Manche hüpfen, andere staunen, fotografieren oder halten inne. Die meisten müssen sogar verschmitzt lächeln vor Freude, unberührte Wege neu zu beschreiten. Zwei Baumwipfel in einem Park hinter mir höre ich eine Männerstimme: „Die Natur holt sich die Welt zurück.“ Mit diesen Worten laufen wir schweigend durch die Hälfte des Dschungels bis zu einer Lichtung, die eine wunderschöne Brücke in den Mittelpunkt stellt. Eine Unterhaltung beginnt und lässt uns fast vergessen, dass wir in einer idyllischen Seifenblase stehen, denn keine 20 Meter um uns herum herrscht das Chaos.

Zeit ist Geld

Eigentlich wollte er weitergehen, eigentlich muss er schon längst auf der Arbeit sein und eigentlich ist er schon so spät, dass die Gleitzeit die Minusstunden nicht mehr abpuffern kann, und schließlich bleibt er einfach stehen. Er folgt meiner Beobachtung, Bestärkung und Bewunderung der vorbeikommenden Menschen.

Alles unter Kontrolle

Mal sind es verunsicherte Gesichter, die nach dem optimalen Weg fragen, mal entnervte, weil sie glauben, ein Durchdringen sei unmöglich, und andere wiederum ärgern sich und schmeißen mit Aussagen um sich, dass es nicht sein kann, dass Ihnen das passiert. Plötzlich steht ein Mann mit beiger Jacke und einer braunen Hose vor mir. Er lächelt mich an und fragt, was wir hier machen. Er stellt sich einfach dazu und sagt ganz beiläufig, fast schon zu sich selbst: „Die Natur hat ihre eigenen Gesetze. Die kann man nicht kontrollieren. Eigentlich passiert so etwas in regelmäßigen Abständen, mal hier mal dort, das ist eben ein Teil eines wunderbaren Zyklus, der uns leben lässt. Nur so machen wir mal die Augen auf und erkennen die Vielfalt der Natur. Wir sollten Sie bewundern, statt sie zu verfluchen“. Einen Moment lang ist alles ganz still, selbst die Vögel scheinen die friedvolle Stille genießen zu wollen.  

Lebensweisen

Fast aus dem Park, kommt mir ein sehr adrett gekleideter Geschäftsmann entgegen. Kein Haar steht ab, keine Falte am Anzug ist erkennbar. Wie aus dem Ei gepellt. Ich bleibe stehen und frage ihn, ob ihm klar sei, dass er bei diesem Teil klettern müsse, um den kürzesten Weg nehmen zu können. Angewidert von dem Schlamm an meinen Schuhen und den von den Blättern nassen Schultern bleibt er stehen, sagt nein und flucht: „Nicht nur dass ich das Auto auf halber Strecke abstellen musste wegen einem Feuerwehreinsatz, nun muss ich auch noch Umwege in Kauf nehmen. Und eigentlich wollte ich gar nicht erst losfahren, sondern zu Hause bleiben.“ In dem Moment erhalte ich eine Nachricht und lese sie. Sie ist von einem anzugtragenden Juristen in hervorragender Position. Ich stehe vor dem fluchenden Mann und muss schon wieder lachen. Ich reiche dem verdutzten Mann ein Taschentuch für die kommenden dreckigen Schuhe und frage ihn, ob ich ihm etwas vorlesen darf. Er wird neugierig und lauscht: „...der Anzug ist ja auch nur Maskerade und mag im falschen Bühnenstück den Blick auf den Inhalt viel eher freigeben“. Bevor er etwas trotziges sagen kann, antwortet mein Begleiter aus dem Park: „Gehen Sie am besten links von dem großen Baum entlang, dort ist weniger Verwüstung, und vielleicht finden Sie einen Moment, um innezuhalten und sich auf das Abenteuer Leben einzulassen.“

Strukturen

Kaum alleine, spricht mich ein Mann gleichen Alters an und wie beiläufig kommen wir in die gleiche Richtung gehend in ein Gespräch. Wortfetzen bleiben hängen. Er muss nach Wolfsburg - Berufspendler - keine Bahnen, keine Chance trotz Bahncard 100. Chefs sind informiert. Das was ankommt ist sein Druck, es dem Unternehmen recht zu machen, denn die Umsätze werden wanken, die Angst, als unzuverlässig zu gelten und die Sorge, dass ein besserer gefunden wird, ist erkennbar. Dies treibt ihn unnützerweise zum Bahnhof, nur damit die DB ihm das bescheinigt, was schon seit Stunden über alle Medien kommuniziert wird.

Routine

Von weitem erklingen laute Aufrufe. Auf dem Vorplatz des HBF ist eine unüberschaubare Menschentraube. Sie drängeln und umkreisen die wenigen Taxis. Es klingt im ersten Moment wie auf einem Basar. Jeder Schritt des Näherns an die Masse erklingen die Stimmen zu klaren Worten aus dem Megafon. Aachen...3 noch. Köln, wer will nach Köln? Nummern, Orte und Zahlen werden wie auf der Börse verteilt, geschrien und die Menschen drängen sich wie Vieh mit aller Gewalt an erste Stelle.

Ausnahmezustand

Zufällig begegne ich einer Bekannten, die mich gar nicht erst begrüßt, sondern aufgelöst sagt:  „Ich weiß zwar nicht wie das ist, aber so stelle ich mir Krieg vor.“ Mein Blick schweift über die dröhnende Masse, kaum einen Schritt nach vorne gewagt bin ich Teil von ihr und inmitten des Epizentrums.Genau vor mir sitzt eine tiefenentspannt wirkende Frau im Kostüm mit einem Kaffeebecher in der Hand, und spricht gelassen ins Telefon: “Eigentlich würde ich jetzt vor Ihnen stehen und Ihnen bei dem Gespräch in Ihr Gesicht schauen, doch in Realität stehe ich am HBF und muss Ihnen etwas mitteilen. Da keiner von meinen Mitarbeitern und selbst ich nicht vom Fleck kommen, kann ich Ihnen heute nicht wie versprochen den Liefertermin halten. Sehen Sie dies bitte als naturbezogenen Feiertag und lassen uns noch einen Tag zur formvollendeten Anfertigung  ihres Produkts. Ich appelliere an Ihre Menschlichkeit.“ Ich setze mich neben die Frau mit meinem Kaffeebecher, hole die Fruchtgummis aus meiner Tasche, halte ihr einen hin und wie aus dem Nichts höre ich die Worte aus meinem Mund: „Wow, Respekt für so viel Mut und Offenheit.“ Sie nimmt meinen Fruchtgummi ohne Worte, steckt ihn in den Mund und dabei fließen ihr die Tränen über die Wangen, und die Lippen beben.

Eigentlich ... sehen wir die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wir sehen sie, wie wir sind!